02- Herzlich Willkommen im Bobbethal


Im Herzen Europas liegt das  verschlafenen Pfälzer Städtchen Bobbethal an der Bobbe. Die Leute dort um den Bürgermeister Bunsenbrenner gehen ihren harmlosen Obliegenheiten nach, ohne zu ahnen oder sich auch nur im Geringsten dafür zu interessieren, was sich da von Seiten der Vampirlady über ihnen zusammenbraut.

Ulrike und Günther-Jürgen Klein 

„die Vampyrlady sah nicht immer so scheiße aus…“

Ein Roman

***

In der Eisdiele ISCHIA, dem geistigen Zentrum von Bobbethal ist  im Moment nicht gerade Hochbetrieb. An der Bar lehnt ein schlanker, noch immer jugendlich wirkender Mann und bestellt einen Rumtopf-Eisbecher. Sein Name ist Frank Schneider. Mag sein, dass es der zweite ist inzwischen oder der dritte. Von Mario lässt er sich eine Extrakelle Rumtopf nachladen. Dann zeigt er mit seinem Finger auf einen afrikanischen Touristen am Nebentisch:

„Sie haben mich ganz schön reingelegt!“

Und mit feiner Ironie auf die nichtalkoholische Eiskreationen des Angesprochenen anspielen bestellt er aus einer weltmännischen Anwandlung heraus  mit, den ganzen Raum mit dem Schwung seines Armes umfassend „Bananensplit für alle!“

Mario bringt 3 Portionen an den einzig besetzten Tisch am Fenster.  Frank Schneider in seinem Kielwasser schiebt lässig seinen Body zum Tisch und deutet mit nacktem Zeigefinger auf den afrikanischen Touristen, der mit seinem Kollegen, dem berühmten Professor Frauenschuh eigentlich ein ruhiges Fachgespräch führen wollte.  Frank, den inzwischen schon wieder leeren Rumtopfbecher in der Linken, lehnt er sich zum afrikanischen Touristen hinüber und zischt durch die Zähne:

„Und jetzt raus mit der Sprache, wer schickt Dich?“

Der afrikanische Tourist amtet mit Ruhe und Geduld durch die Nase aus, bückt sich hinunter unter den Tisch und taucht mit einer Aktentasche wieder auf. Er entklickt den Verschluss und holt eine tiefblaue Sternenkarte hervor, die er bedächtig auf dem Tisch entfaltet. Sofort beugt sich Prof. Frauenschuh über die Karte und begutachtet die Positionen der Sterne. Dabei beginnt ihn die Sprühsahne nun doch erheblich zu stören, keine Konstellation kann er richtig sehen: sehr ärgerlich das. Dessen ungeachtet arbeitet er sich unverdrossen in die Materie ein. Schließlich blickt er von der Karte auf und dem afrikanischen Touristen ins Gesicht. Mit dem Finger auf ihn weisend sagt er:

„Sie kommen aus dem Mohrenland!“

„Machste mir noch ´n Rumtopfbecher?“, winkt Frank Schneider im Ischia in Richtung Mario. „Eis kannste weglassen!“

2  Was bisher geschah

Die Madenburg ist eine romantische Burgruine oberhalb des kleinen Pfälzer Städtchens Bobbethal. Die ambitionierte Jungjournalistin Evelyne und ihr Fotograf Gaspard sind in der sengenden Mittagshitze zur Madenburg hochmarschiert. Die Evelyne, die ja so esoterisch angehaucht ist, hatte da so eine Theorie, was die Geschichten angeht, die um die Burg und ihre ehemaligen Bewohner angeht und deshalb staksen sie jetzt durch das mittelalterliche Gemäuer und finden natürlich nichts. Nichts was sich juounrnaistisch verwerten ließe. Schmunzelnd raucht Gaspard seine Kippe und wartet bis Evelyne es selbst einsieht.

Aber keine Ahnung, was ihn da plötzlich reitet, jetzt will er es auf einmal wissen. Vorhin, als sie in den Gewölben rumliefen, fiel ihm eine Tür auf mit der Aufschrift. „Kein Eintritt!“. Und da stehen sie jetzt davor und tatsächlich:

die Tür ist unverschlossen.

Sie führt zu einer Wendeltreppe, die immer tiefer führt. Um überhaupt irgendetwas zu sehen, hat Gaspard sein Kamerablitz eingeschaltet. Und jetzt wird´s nicht nur feuchtkühl, sondern auch ziemlich unheimlich, weil ausserhalb des Blitzkegels alles noch schwärzer.  Und noch eine Treppe, die noch weiter nach unten führt bis sie  in einen Raum kommen, in dem nichts steht als ein einzelner Sarg. Und ausgerechnet da geht die Kamera aus, weil kein Saft mehr.

„Typisch“, sagt Evelyne schnippisch. Aber dann sagt sie nichts mehr, denn beide spüren eine Eiseskälte durch die Mauern ziehen und ein merkwürdiges Knacken. Ein letztes Mal zuckt noch Licht auf und das reicht, um von der Decke hängend einen schwarzen Klumpen zu erkennen, der sich in diesem Moment in Bewegung setzt. KAKERLAKEN! Abertausend Kakerlaken. Wie aus einem hundertjährigen Schlaf geweckt schwärmen sie aus in Windeseile. Überall wimmelt und knackt es ekelerregend. Nur weg hier!

3

Am nächsten Morgen lacht die Sonne vom Himmel. Und die Evelyne lacht über sich selbst, was sie für eine hysterische Ziege war gestern. In  Gaspards orangeroten Käfer fährt sie schwungvoll durch den Pfälzer Wald, die Sonne scheint durch die Bäume und so in diesem Morgenlicht sind die Dörfer richtig malerisch. Nee doch, sie hat echt gute Laune. Ein Schild, das auf einen Bauernhof hinweist, lässt sie die Fahrt verlangsamen. Original Pfälzer Küche wird hier serviert. Ist ja auch bald Mittag, für einen Bauern jedenfalls wäre das jetzt Mittagszeit. Kurz und gut, Evelyn gönnt sich einen kleinen Imbiss, bestehend aus Sülzwurst. Die schmeckt oberlecker und die Bauersfrau ist so nett und freundlich, dass Evelyn noch so eine Schlachterplatte bestellt. Die verputzt sie Schlachterplatte mit großem Vergnügen und bestellt sich dazu einen Schoppen Pfälzer Wein. 

Kaum sitzt sie wieder in ihrem Käfer als mitten im Wald ein Kiosk sie zu einem weiteren Zwischenstopp animiert. „Wenn ich schon mal da bin…“, denkt sie und stellt ihren Käfer auf dem schattendunkeln Waldparkplatz ab. Gerade kommt eine kleine Wandergruppe an, pfalzdeutsche Familie, Eltern, Onkel, Tante, mit ihren zwei sehr anmutigen malaysischen Töchterlein. Evelyne stärkt sich mit einem Noggereis. Lieber wäre ihr ein Cornetto Erdbeer gewesen, aber das hatten sie nicht. Sie setzt sich auf eine Bank und betrachtet den weichen, mit Tannennadeln übersäten Boden. Von ihren Füßen ist sie begeistert. Sie stecken in Plateausandalen und vorne gucken die Fußnägel raus mit einem tollen neonpinkfarbenen Nagellack. Überhaupt findet sie, dass sie süß gekleidet ist. Knallenge Jeans, die bis über die Knöchel hochgekrempelt sind und dazu trägt sie ein nabelfreies Shirt. Ihre drallen Kurven kommen auf diese Weise bestens zur Geltung.

Kann sein, dass sei ein bißchen eingenickt ist, jedenfalls ist es auf einmal Abend. Niemand mehr da! Der Kiosk geschlossen, das Schloss und die Nägel sehen richtig rostig aus. Und im Papierkorb neben dem Eingang liegt ein einsames wettergegerbtes Eispapier: Cornetto Erdbeer! Der Waldparkplatz ist leer. Kein VW-Käfer zu sehen. Vielleicht hat sie ihn ja auf dem unteren Parkplatz abgestellt, überlegt Evelyn. Sicher war es so. Sie wollte doch ein paar Schritte gehen. Obwohl das mit den Plateausandalen nicht so richtig geht. Es ist merkwürdig still um sie herum. Nicht mal Vögel sind zu hören. Durch die Wipfel der Bäume sieht sie über sich die Madenburg im goldenen Abendlicht liegen. Das sieht so schön aus, dass sie sich ohne lange nachzudenken auf den steilen Weg macht nach oben.

4

Der Gaspard  schlurft zur selben Stunde auf sein Zimmer, kramt seine Comics aus der Reisetasche und schmeißt sich wieder auf´s Bett. Seine Lauen ist der übelsten Sorte. Gegen 6 Uhr am Abend bemerkt er einen Duft, der seiner Nase schmeichelt. Holzkohle, gewürzt mit einem Hauch brutzelndem Fett! Dem Duft folgend landet er im Garten des Nachbarhauses, das sich im Übrigen in Bau- und Gartenkunst in nichts an Leblosigkeit der Häuser vom Rest der Straße unterscheidet. So latscht er ohne sich von dem ‚Hier wache ich’-Schild abschrecken zu lassen der Nase nach über den akkurat gemähten Rasen. Er landet auf der Terrasse und blickt auf einen Garten mit Planschbecken, Trampolin, Obstbäumen und Johannisbeersträuchern. Ein Kind mit Schwimmflügeln hockt mit seinen Förmchen in dem handtuchbreiten Becken.

Auf der Terrasse steht ein Grill, belegt mit Fleisch und Würsten, daneben steht ein Waschzuber mit Bierflaschen und unter einem Sonnenschirm thront ein Riesenflatscreen. Davor ist eine kleine Herrenrunde versammelt, die Dame des Hauses erscheint in diesem Moment mit einer badewannengroßen Schüssel Pfälzer Kartoffelsalat. Es läuft das Pfälzer Spitzenspiel Kaiserslautern gegen die Geißböcke aus Worms. Das Spiel hat gerade in diesem Moment begonnen, weshalb Gaspards Anwesenheit ein bisschen nebenher registriert wird. Gaspard wünscht einen allseits Guten Abend, und lässt beiläufig fallen, dass er den Trainer von Worms persönlich kennt, worauf er mit einer Bierflasche versorgt wird. Er setzt sich dazu.

So ungefähr bei Minute 15 verspürt Gaspard eine atmosphärische Veränderung. Ein Hauch Apfelshampoo mischt sich zart, aber für den Kenner vernehmbar, unter die Grilldüfte. Und da steht auf der Terrasse die Tochter des Hauses.

„Wau!“ Ein steiler Zahn!“ denkt er. Blonde Haare bis zum Po, Hotpants, Fransenshirt. Sie wirft Gaspard einen Blick zu und Gaspard erhebt sich aus der Halbhorizontalen.

Ein Donnern von der Straße her lässt die Tochter eine Kehrtwendung machen. Gaspard, im Banne seiner Triebe, folgt ihr quer durchs Haus bis vor die Garagenauffahrt, wo ein fetter, gefährlich aussehender Schrank in Ganzkörpertattoo und Kluft auf einer Harley wartet. Die blonde Schönheit küsst ihn und verschwindet in der Garage. Kurze Zeit später erschüttert ein weiteres Brüllen die Luft und aus der Garage kommt das schöne Kind auf seiner Harley, von Kopf bis Fuß in schwarzes Softleder gewandet.

„Steig auf!“ fordert der Höllenengel Gaspard auf.

„Lass den Schisser!“ kommt von dem Engelskind. Was bleibt Gaspard anders übrig, als sich auf den Beifahrersitz zu schwingen. Es wäre eigentlich ganz ok gewesen, als Feigling dazustehen, denkt er noch, als ihm die Beschleunigung den Magen Richtung Herzgegend drückt.

5

Uhrzeit laut Aufzeichnung 15:05 Uhr

Auf der Madenburg haben sich am selben Abend ein paar Kiffer zusammen gefunden, um eine Tüte zu rauchen oder auch zwei, schön gemütlich mit den von ihren Müttern vorgebratenen Schnitzeln und Würsten den Knast abzulöschen und dabei eine bestimmte, extrem selten vorkommende, Sternenkonstellation zu beobachten. Also alles in allem einen total relaxten Abend zu verbringen.

Nun war es aber auch so, dass die ökumenische Gemeinde von Bobbethal seit Donnerstag eine Abordnung der Schwestern der barmherzigen Liebe zu Gast haben und für diese herrliche Sommernacht ist zum Abschluss eine Prozession geplant hoch zur Madenburg.

Und zufällig haben die Angels ebenfalls vor, den Abend auf der Madenburg ausklingen zu lassen. Soll der Höhepunkt werden mit allem Drum und Dran. „Dieselkraftstoff“ und ein paar Pillen um auf die nötige Drehzahl zu kommen sind reichlich vorhanden. Zum Vorglühen wird aber erst einmal am Baggersee gegrillt und wer will, der kann sich die Klamotten vom Leib reißen und im See Nacktbaden. Das gilt vor allem für die mitgeführten Bräute. Mitternacht geht´s dann hoch zur Burg und dann steigt der Adler.

Zur mitternächtlichen Stunde in dieser Nacht steigt allerdings noch was anderes. Nämlich die toten Seelen als grüne Plasmaspur gen Himmel.

6

Die Vampirlady steigt aus ihrem Sarg

Sturzbesoffen landet Gaspard im Gefolge seiner neuen Freunde auf der Madenburg, wo das Fest der Lust seinem Höhepunkt entgegengeht. Halb von Sinnen kriegt er immerhin noch mit, dass er sich inmitten eines orgiastischen Treibens befindet. Wild tanzende Vampirladys, stampfende Rhythmen, brüllende Beats und brüllende Angels. Wild flackert das Licht zum Beat der Höllenmaschinendisco, das Wummern der Bässe wummert durch die Nacht von der Burg in der Höhe inmitten des dunklen Pfälzerwaldes.

In den grellen Blitzen der Laserkanonen erstrahlen die gemauerten Reste der Burgruine. Die wilde Masse ist umschlängelt von einer riesigen grünen Schleimzunge. Die Tanzenden verlieren auch noch den letzten Rest ihrer Hemmungen. Inmitten des sexuellen Wühlens ringt Gaspard um sein letztes bißchen Verstand und glaubt seinen Augen nicht zu trauen. Da oben steht Evelyne und nuckelt lasziv am Strohhalm ihres Höllendrinks. Unüberwindliche gegenseitige Abneigung verwandelt sich mit einem Blick in unstillbares sexuelles Verlangen.

Unten im Dorf begann um 22 Uhr die außerordentliche Messe für die aus aller Welt angereisten Missionarinnen der Nächstenliebe. Ab Mitternacht dröhnen von der Burg die Beats und die Kirche erschüttert in ihren Grundfesten. In der Prozession folgen die heiligen Schwestern rosenkranzbetend auf ihren Knien dem Kreuz des Pfarrers durch den finsteren Wald hinauf zur Madenburg. Ganz langsam rutscht die Prozession murmelnd Sodom und Gomorrha entgegen.

Endlich bei der Burg angelangt, erhebt sich der Priester und richtet sein Kreuz gegen den Straffixstern, der nur in dieser Nacht am Himmel prangt. Die Missionarinnen der Nächstenliebe schleudern ein Gebet gen Himmel, wodurch ein weißer Strahl vom Kreuz bis zum Straffixstern geschleudert wird und von diesem in zehntausendfacher Verstärkung mit allmächtiger Wucht wieder zurückgeschleudert wird. So fährt der Strahl nieder auf die Madenburg und mit einem Schlag verdampft das wilde Fest. Wie mit Salzsäre übergossen verlischt der lustgeschwängerte Irrsinn und nur noch Tod und Verderben, ausgebrannte Erde, Abfall, Müll und Essensreste bedecken den von Ungeziefer wimmelnden Boden.

Von der Wucht des Strahls wurde Gaspard in ein Gebüsch geschleudert. Gebeugt gehen die heiligen Schwestern, Gebete murmelnd, über das dampfende Schlachtfeld, ab und zu bücken sie sich und sammeln etwas auf. Kakerlaken knacken unter dem Tritt ihrer Sandalen. Wie auf einem Altar liegt die schwerverletzte Evelyne leise stöhnend, um den letzten Lebensatem ringend. Die Nonnen versammeln sich um sie und legen Kräuter und Blüten auf ihren Körper, um ihren Schmerz zu lindern und ihre Wunden zu pflegen. Von den Gebeten der heiligen Frauen begleitet, kriecht Evelyne in ein Gebüsch.